Rappen lernen

Rap Texte schreiben lernen


Inhalt: Von der Idee zum Text

 “Euch hat die Message gefehlt, hier kommt mehr Message denn je”
Samy Deluxe – Hin und Her

Der Inhalt – ohne Zweifel von größter Bedeutung beim Rappen. Ohne Inhalt keine Reime, nichts was geflowt oder mit einem individuellen Style versehen werden kann und zu guter Letzt auch nichts, was den Hörer unterhält.

Zunächst müsst ihr wissen, wie der Inhalt eines Rap-Textes aufzuteilen ist. Dieser besteht üblicherweise aus zwei bis drei Parts (= Strophen) und einem Refrain, auch “Hook” genannt. Ein Part setzt sich meist aus 16 Zeilen, die Hook aus 8 Zeilen zusammen. Erstreckt sich eine Textzeile genau über einen Takt des Instrumentals, was auch generell der Fall sein sollte, dann wird diese als “Bar” bezeichnet. Im Umkehrschluss können wir sagen, dass ein Part in der Regel aus 16 Takten besteht. Die Anzahl der Silben, die ihr auf einen Takt legt bzw. in eine Zeile aufnehmt, ist wiederum Bestandteil von eurem Flow. Dazu jedoch mehr auf Seite 4. Man kann also sagen: Ihr orientiert euch beim Schreiben immer am Takt eures Beats. Damit ihr ein besseres Verständnis für die Beziehung von Text und Takt bekommt, nehmt ihr euch einen x-beliebigen Track, sucht den Text dazu im Internet heraus und lest, während der Track läuft, einfach mal mit.

Die wichtigste Eigenschaft eines Rap-Textes ist, dass er den Hörer unterhält bzw. bei ihm Emotionen weckt. Erreichen kann man das mit einer guten Reimstruktur und anspruchsvollen Reimen, innovativen und kurzweiligen Themen, einem abwechslungsreichen Flow, Metaphern, Verständlichkeit sowie mit Style und sog. rhetorischen Stilmitteln wie Punchlines.

Um zu wissen, welche Emotionen man mit seinem Text ansprechen möchte, müssen wir uns erst einmal die Frage stellen, über welche Emotionen das menschliche Wesen so verfügt. Da wir allerdings unsere knappen Denkressourcen noch für die nachfolgenen Themen benötigen, ziehen wir vereinfachend Wikipedia zurate. Dort erfahren wir, dass der Mensch kulturübergreifend über sieben Basisemotionen verfügt: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit & Überraschung.

Mit diesem Wissen schauen wir uns jetzt einfach mal in der Szene um: Da hätten wir bspw. das Casper-Album “XOXO”, geprägt von Melancholie – voller Wut, Furcht & Traurigkeit. Anderes Beispiel: Kollegah – Unglaubliche Punchlines und Doubletime-Passagen, bei denen einem der Mund offen stehen bleibt – Staunen/ Überraschung. Kool Savas vermittelt ein Feeling über seinen aggressiven Flow, Cro wiederum mit Tracks, die das Gemüt aufhellen – Fröhlichkeit. Aktuelle Studien belegen übrigens, dass Inhalte der letzteren Kategorie am häufigsten von Nutzern auf Social-Media-Plattformen geteilt werden. Einen interessanten Beitrag dazu findet ihr auf der Website von t3n.de.

Das gezielte Wecken von Emotionen wird im Übrigen auch als “Neuromarketing” bezeichnet. Jeder gute Werbespot, der euch zum Lachen bringt, traurig macht oder nachdenklich stimmt, wurde im Vorfeld explizit dafür konzipiert. Letztendlich macht ihr nichts anderes mit eurem Text. Ihr sucht euch einen Beat, der euch gefällt, interpretiert seine Stimmung und versucht diese mit den genannten Instrumenten (Thematik, Flow, Style usw.) einzufangen. Doch kommen wir zurück zum eigentlichen Thema…

Von fundamentaler Bedeutung beim Schreiben ist Zeit. Nehmt euch soviel davon, wie ihr braucht, um einen Track zum Ohrwurm zu machen. Ich persönlich sitze in der Regel zwischen 3 h und 12 h an einem Song – je nachdem in welchem Zeitraum es mir gelingt, mein Ziel zu erreichen. Daraus ableiten können wir, dass ihr kein Releasedate setzen solltet, insofern sich eure Platte noch in Arbeit befindet. Da kommt definitiv nix Gescheites bei raus. Ebenso wenn ihr zwanghaft versucht, den Track in einem Zug zu schreiben. Fehlt euch die Inspiration für die nächste Zeile, obwohl ihr bereits eine oder mehrere Stunden darüber nachdenkt, macht eine Pause. Idealerweise schlaft ihr eine Nacht darüber und versucht euer Glück am nächsten Morgen. Lasst euch bloß nicht hetzen.

Praxistipp 1: Den Text mit Inhalten füllen.

Wir besitzen nun Kenntnis über den Aufbau und über die wichtigste Eigenschaft, die ein Rap-Text erfüllen muss. Doch wie geht man nun konkret beim Schreiben vor?

Zunächst überlegt ihr euch, was für einen Track ihr schreiben möchtet – welche Thematik es zu beackern gilt. Dafür könnt ihr euch vieler Inspirationsquellen bedienen: Film & Fernsehen, Bücher, andere Songs und natürlich der vielseitigsten Quelle – euerem Leben. Selbstverständlich könnt ihr auch auf ein Thema verzichten und einfach mal so ein bisschen was schreiben. Einen Representer, in dem ihr erzählt, wie cool ihr seid bspw. oder ein fiktives Battle.

Habt ihr euch auf eine Richtung festgelegt, dann könnt ihr euch Gedanken über wichtige Elemente machen, mit denen ihr den Text füllen möchtet. Ich demonstriere das mal am Thema “Sommer”. Welche Dinge sind also charakteristisch für diese Jahreszeit:

Grillen und Bier trinken, knapp bekleideten Mädels am See nach gucken, lange und warme Nächte, in der Sonne liegen und chillen, Grillen und Bier trinken, baden gehen, Sangria-Eimer, Urlaub & Ferien… ach so, und Grillen und Bier trinken natürlich.

Ok, nun habt ihr folgende Optionen: Ihr schreibt ein allgemeines Sommerlied, in welches ihr versucht, all die genannten Inhalte einzuflechten oder ihr pickt euch einen Inhalt heraus und schreibt gezielt darüber den Text. Letzteres ist in diesem Fall vorzuziehen, da schon gefühlte 3.000.000.000 Künstler vor euch auf die Idee gekommen sind, das Thema “Sommer” abzugrasen. Aus dieser Situation heraus greifen wir ganz unwillkürlich das Textelement “Grillen und Bier trinken” auf und spezifizieren unser Sommerlied in diese Richtung. Nun überlegt ihr euch erneut charakteristische Lines und Textelemente, die ihr inhaltlich einflechten könnt. Die übrigen Textzeilen entstehen dann im Zuge der Reimfindung, spontan bzw. situationsbedingt während des Schreibens, durch das Bilden von Brücken zwischen den einzuflechtenden Lines oder um einen Sachverhalt genauer zu erläutern.

Achtet stets darauf, dass ihr Situationen vorstellbar, nachvollziehbar und detailliert darstellt, damit sich der Hörer in diese hineinversetzen kann.

Praxistipp 2: Punchlines formulieren.

Ein ausgezeichnetes Instrument, um den Hörern zu unterhalten, ist das rhetorische Stilmittel. Eine Punchline gehört ebenfalls zu dieser Rubrik, da sie an sich nichts anderes ist als eine Pointe und dem Duden nach somit: Ein “(geistreicher) überraschender (Schluss)effekt in einem Ablauf”. Die einschlägige Literatur definiert die Pointe weiterführend als inhaltlichen Schlüssel, welcher den Zusammenhang von eigentlich zueinander in Kontrast stehenden Textteilen offenbart. Klingt kompliziert – werdet ihr aber nachfolgend verstehen.

In den meisten Fällen wird der genannte Kontrast mit Hilfe sog. “Homonyme” erzielt. Dies sind Worte mit unterschiedlicher Bedeutung, welche aber identisch ausgesprochen werden, wie z. B. Bank (Kreditinstitut)/ Bank (Sitzmöglichkeit) oder Ferse (Teil des Fußes)/ Verse (Bausteine der Poesie). Kombiniert man ein Homonym nun mit einem Vergleich (muss man aber nicht), erhält man eine handelsübliche Punchline, wie sie im Rap häufig Verwendung findet. Bsp:

Rauchen ist krebserregend, wie ein sexy Hummerweibchen.

Doch wie kommt man auf so etwas? In diesem Fall nahm ich mir zunächst vor, das Rauchen infragezustellen. Da ja keine schlimmeren Drogen existieren als Zigaretten, ist das natürlich von uuuunglaublicher Bedeutung für mich, weshalb ich der Thematik durch deren Darstellung in Punchlineform etwas Nachdruck verleihen möchte. Ich rief also tief in mein Inneres und fragte, welche drastischen Risiken vom Zigarettenkonsum denn so ausgehen. Lauthals schallten diverse Dinge zurück, die ich notierte und nach Mehrdeutigkeit hinterfragte. “Krebserregend” – ist in den gesundheitlichen Kontext einzuordnen, könnte aber auch mit der Sexualität von Krustentieren in Verbindung gebracht werden, dachte ich mir und formulierte entsprechend. Da die Vorstellung eines sexy Hummerweibchens auch einen gewissen Unterhaltungswert aufweist, erfüllt die Punchline ihren Zweck und bleibt im Kopf.

Prädestiniert für das Schreiben von Punchlines sind im Übrigen Fremdwörter und Redewendungen, da bei diesen überdurchschnittlich oft Mehrdeutigkeiten zu finden sind. Darüber hinaus bieten diese den Vorteil, mit Hilfe einschlägiger Datenbanken systematisch zu Punchlines verarbeitet werden zu können. Ihr schaut also in einem Verzeichnis für Redensarten oder Fremdwörter vorbei und hinterfragt nach und nach jeden Eintrag in der Datenbank. Dadurch könnt ihr euch sukzessiv ein Archiv erstellen, aus dem ihr zu gegebenem Zeitpunkt Punchlines in euren Text übernehmt.

Die weniger ehrenhafte, dennoch der Vollständigkeit halber erwähnte Möglichkeit, sich das Grundmaterial für Punchlines zu beschaffen, ist es, sich von der ein oder anderen Redaktion “inspirieren” zu lassen. Genannt seien in diesem Kontext u. a. die Redaktionsmitarbeiter der RTL-Sendung “Wer wird Millionär”, welche sehr begabt darin sind, gute Wortspiele zu kreieren, die ihr ohne große Mühen zu Punchlines verarbeiten könnt. Insbesondere bei den ersten fünf Fragen eines Kandidaten lohnt es sich, genauer hinzuhören. Eine nicht weniger gute Quelle ist der Newsticker des wohl seriösesten Mediums, was in deutscher Sprache verfasst wird: Der Postillion. Eine kleine Kostprobe gefällig? Bitteschön:

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